Kultusministerien in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen warnen vor Medienmissbrauch

Quellen: http://www.schulministerium.nrw.de und http://www.mk.niedersachsen.de

Und hier die Presseerklärung des Kriminologischen Forschingsinstituts Niedersachsen:

Zur Veröffentlichung der Studie „Die PISA-Verlierer – Opfer ihres Medienkonsums“:

Am KFN wird seit 2004 mit verschiedenen Forschungsmethoden die Frage untersucht, wie sich bestimmte Mediennutzungsmuster auf Schulleistungen von Kindern und Jugendlichen auswirken. Die Befunde weisen überraschend deutliche Parallelen zu den Ergebnissen der drei PISA-Studien auf. Dort wurden im Vergleich bestimmter Schülergruppen erhebliche Leistungsunterschiede festgestellt. So haben Schüler mit Migrationshintergrund erheblich schwächer abgeschnitten als einheimische deutsche. Entsprechendes gilt im Vergleich von Schülern aus sozial schwachen Familien mit solchen aus der Mittelschicht. Ferner haben Jungen schwächer abgeschnitten als Mädchen und norddeutsche Schüler schwächer als süddeutsche.

Bei der Interpretation dieser teilweise sehr ausgeprägten Leistungsunterschiede wurde bisher ein wichtiger Aspekt kaum beachtet. Bereits als Viertklässler verfügen die vier PISA-Verlierergruppen in ihren Kinderzimmern über eine erheblich größere Ausstattung mit Fernseher, Spielkonsole und Computer als ihre jeweilige Gegengruppe. So besitzen die Jungen zu 38 Prozent eine eigene Spielkonsole, Mädchen dagegen nur zu 16 Prozent. Bei Migrantenkindern im Vergleich zu deutschen Kindern fällt hier der Unterschied mit 44 Prozent zu 22 Prozent ähnlich groß aus. Er wächst sogar auf 43 Prozent zu 11 Prozent, wenn wir Kinder aus bildungsfernen Familien (beide Eltern höchstens Hauptschulabschluss) mit solchen aus der bildungsnahen Mittelschicht vergleichen (mindestens ein Elternteil Akademiker).

Beim Fernseher zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Norddeutsche Kinder verfügen zu 42 Prozent über ein eigenes TV-Gerät, süddeutsche nur zu 27 Prozent. 10-Jährige aus Migrantenfamilien liegen mit 52 zu 32 vor den deutschen Kindern. Und erneut ergibt sich der größte Unterschied, wenn wir nach dem Bildungsniveau der Eltern unterscheiden (bildungsfernes Elternhaus: 57 %, bildungsnahe Mittelschicht 16 %). Als Folge dieser Ausstattungsunterschiede bei Mediengeräten weisen die PISA-Verlierer schon als 10-Jährige und später als 15-Jährige einen weit höheren und auch inhaltlich problematischeren Medienkonsum auf als ihre bei PISA besser abschneidenden Vergleichsgruppen. Dies belegen zwei vom KFN durchgeführte Querschnittsbefragungen von 5.500 Viertklässlern und 17.000 Neuntklässlern. Gestützt auf diese Untersuchungen sowie eine seit 2005 laufende Panel-Untersuchung von 1.000 Berliner Kindern und einem Experiment zu den Auswirkungen unterschiedlicher Freizeitbeschäftigungen auf die Konzentrationsleistung können wir einen Befund klar belegen: Je mehr Zeit Schülerinnen und Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler dessen Inhalte sind, desto schlechter fallen die Schulnoten aus.

Die Befunde eröffnen viel versprechende Perspektiven dafür, wie man die schulischen Leistungen der PISA-Verlierer nachhaltig verbessern könnte. So sollten wir die Eltern bundesweit über die Schulen gezielt darüber aufklären, wie negativ sich extensiver Medienkonsum auf Schulleistungen auswirkt. Und wir sollten ihnen eine klare Botschaft vermitteln: Bildschirmgeräte gehören nicht ins Kinderzimmer.

Ferner müssen wir eines feststellen: Der Jugendmedienschutz entfaltet nach wie vor nicht die erhoffte Wirkung. Kinder und Jugendliche kommen relativ problemlos an Filme und Spiele heran, die als jugendgefährdend anzusehen sind. Ein Weg dies zu verhindern, wäre der Einsatz von Jugendlichen als Testkäufer. Nachdem der Bund hier passiv bleibt, sind die Länder aufgefordert, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen.

Eines erscheint aber vor allem dringend nötig: Wir müssen alles daran setzen, die Nachmittage der PISA-Verlierer vor einem ausufernden Medienkonsum zu retten. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation wird nur über die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen zu erreichen sein, die nachmittags primär einem Motto verpflichtet sind: Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, kulturelles und soziales Lernen.

Und schließlich müssen wir auf ein gravierendes Problem hinweisen: Die wachsende Computerspielabhängigkeit von Jungen. Wir können deswegen nicht akzeptieren, dass beispielsweise das Spiel „World of Warcraft“ weiterhin ab 12 Jahre frei gegeben bleibt, obwohl inzwischen klar ist, dass 15-jährige Spieler mit diesem Spiel im Durchschnitt pro Tag 4 ½ Stunden verbringen und viele von ihnen in suchtartiges Spielen geraten.

Zur Entstehung dieses Phänomens benötigen wir zum einen mehr Forschung, zum anderen Modellversuche zur praktischen Erprobung von Therapie- und Präventionskonzepten. Die Politik ist hier dringend zum Handeln aufgefordert.

Hannover, 15.2.2008

Quelle: Die Presseerklärung und die vollständige Studie finden Sie unter www.kfn.de/home.htm

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